Test.Test.Liegen Teil 2

Rauminstallation

 

Das Projekt Test.Test.Liegen versteht sich als langfristige Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Nutzung öffentlicher Räume. Wir wählen eine Gegend aus und machen uns dort auf die Suche nach Orten, wo es möglich ist zu Liegen. Auf diese Weise stellen wir die Frage, für wen öffentliche Räume wie nutzbar sind. Der Akt des Hinlegens steht sowohl für das Bedürfnis von Menschen, sich auszuruhen oder zu rasten ohne zu konsumieren als auch für die eventuelle Notwendigkeit, im öffentlichen Raum zu übernachten. Stadträume werden von Geboten und Verboten strukturiert, konsumfreier Aufenthalt wird immer wieder verhindert, beispielsweise indem Bänke entweder so gestaltet werden, dass ein Übernachten unmöglich ist oder an zentralen Plätzen die Bänke entfernt werden. Dies ist in den vergangenen Jahren sowohl am Wiener Westbahnhof als auch am Salzburger Hauptbahnhof passiert. Am Wiener Praterstern wurde 2018 das Konsumieren von Alkohol verboten, der Wiener Hauptbahnhof wird seit Mai 2018 nachts gesperrt.

Die in der jeweils ausgewählten Gegend entstandenen Fotografien werden in der Folge zu Collagen oder Bildreihen verarbeitet, um deutlich zu machen, dass es sich um fotografische Inszenierungen handelt. Die Arbeit am Projekt wird von Rundgängen durch die ausgewählten Gegenden begleitet, die dem gemeinsamen Gespräch über die Thematik dienen und Sichtweisen von Bewohner_innen, Kunstinteressierten, Bezirkspolitiker_innen zusammen bringen. Das Projekt versteht sich als themenbezogene Recherche, die jeweils kontextbezogen durch unterschiedliche Beiträge erweitert wird, beispielsweise Olga Flors Text Testliegen.

 

Text zum Projekt von Olga Flor

Nun könnte man testliegen auf der Mariahilferstraße, denn das Liegen in der Öffentlichkeit hat was Obszönes und soll durch das Design der Sitzmöbel verhindert werden, das Design hat diese Schlacht gegen das Sein gewonnen, da hilft keine Muttergottes. Denn Menschen, die auf der Straße einfach SIND, die sie nicht in Anpeilung der Arbeitsstätte oder für einen Einkaufszwischenstopp durchqueren, interpretieren die Öffentlichkeit auf so irritierende Weise, dass man sie am Dortsein hindern muss. Bettelnde, auf der Straße sitzende und liegende Menschen gehören zur Realökonomie dieses finanztechnisch auf Vordermann getrimmten Europa, doch statt in Ausbildung und Beschäftigungsprojekte investiert man lieber in Sicherheitsdesign: Ordnungswachen und Liegeverunmöglichungskonstruktionen. Auf dem nackten Boden kann man sich aber immer noch niederlassen, der Schwerkraft folgen, ausstrecken. Vor Lüftungsgittern, in deren Winkeln sich der Dreck festgebacken hat, in zugigen Durchgängen kann man das ruhig Daliegen üben, sich konzentrieren auf das gleichmäßige Geräusch ankommender Schritte, auf das vielleicht folgende Zögern, manchmal auch Innehalten, das entschiedene Weitergehen. Vielleicht wird man beschnüffelt von mitgeführten Haustieren, Ratten, angepeilt von zielgenauen Tauben oder Krähen?

Da kann man testliegen für schlechte Zeiten: Sterben kann man auch, mitten in der Menge, und die Berichterstattungen über die mangelnde Reaktion der Passanten auf den Mann, der vor ein paar Jahren im Fahrkorb eines U-Bahnaufzugs den Tod fand, waren doch ein wenig einseitig in ihrer Deutung: Könnte nicht – ebenso wie die konstatierte urbane Rücksichtslosigkeit – ein mögliches Motiv dafür in dem Wunsch liegen, einen offenbar Obdachlosen hier in Ruhe ein Obdach und Schlaf finden zu lassen, und sei es in einer auf- und abfahrenden Zelle, in die immerhin die Witterung nicht hinein kommt, außer von Zeit zu Zeit der Wind, den die Züge in den Tunnelröhren so mit sich führen? In einem Raum, dessen Größe in etwa den Dimensionen eines ausgestreckten Körpers entsprechen, in einer Menschenrückzugsbox, die wenigstens Wände hat, die den Rücken schützen? Ich bin mir nicht sicher, was ich tun würde, vielleicht dächte ich, wenn ich die Rettung riefe, endete das höchstens in Unannehmlichkeiten für den Betroffenen und zerstörte auch noch das bisschen Frieden, das er gefunden zu haben scheint. Vielleicht ginge auch ich einfach weiter. Und dann hätte ich, in diesem Fall wenigstens, genau die falsche Entscheidung getroffen.
Olga Flor

 

Ausstellungen

sehsaal, Wien, 2017
http://sehsaal.at/projects/test-test-liegen/

Im Rahmen der Ausstellung findet ein Rundgang durch jene Gegenden statt, die Gegenstand der fotografischen Auseinandersetzungen waren. Er ist als gemeinsame Auseinandersetzung aller Teilnehmenden mit Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung des Stadtraumes konzipiert, als Möglichkeit, Sichtweisen und Eindrücke auszutauschen.
http://sehsaal.at/projects/test-test-liegen/testliegen-rundgang/

Im Rahmen der Ausstellung: Lesung Olga Flor
http://www.olgaflor.at/veranstaltung/test-test-liegen/

Beitrag zum Projekt von Romana Hagyo in p/articipate, e-journal des Schwerpunkts Wissenschaft und Kunst, Universität Salzburg:
http://www.p-art-icipate.net/cms/ins-bild-setzen-an-der-schnittstelle-von-privaten-und-offentlichen-raumen-platz-nehmen/

moë Vienna, 2016
15 Forderungen, 15 Briefe und Aktionen zu Kulturpolitik, Plattform istnoetig
https://istnoetig.noblogs.org/15-briefe-und-aktionen/
https://www.facebook.com/events/169797753408025/

 

Werkangaben:
Foto 1, 2, 3, 5: C-Prints, je 100 x 70 cm
Foto 2: Collagen: C-Print, 350 x 200 cm

 

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