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Füreinander Sorge tragen und die hungrige „Krake“ Kunstbetrieb

Beitrag für das virtuelle W & K Forum zu Resilienz, https://w-k.sbg.ac.at/virtuelles-wk-forum/.

Wir, Romana Hagyo und Silke Maier-Gamauf, arbeiten als bildende Künstlerinnen seit zehn Jahren miteinander an Projekten, die sich unter anderem mit Raum und Geschlecht beschäftigen. Seit fünf Jahren sind wir in gemeinsamer Autor*innenschaft tätig. Basis dieser Zusammenarbeit ist nicht nur ein geteiltes künstlerisches Interesse, sondern auch ein vorsichtiger Umgang miteinander in dem Sinne, sich gegenseitig im Arbeiten gut zu tun, Verständnis, Freude und Kompromissbereitschaft zu kultivieren.

Durch die Coronakrise wurde eine wichtige Ausstellung, die wir bereits aufgebaut hatten, nicht eröffnet. Weitere geplante Präsentationen verschoben wir in der Folge. Nach anfänglicher Enttäuschung entschieden wir, die durch die Terminverschiebungen gewonnene Zeit zu nutzen, um in regelmäßigen intensiven Treffen neue Fotografien – wie die hier präsentierten Serien Ablook und Lagenrieb und Schlingen und Stiche (2020 / 2021) – zu erarbeiten. Die Zeit für das Fotografieren frei zu machen, war auch aufwändig in Anbetracht aller zusätzlichen Notwendigkeiten und Aufgaben, die der Lockdown mit sich brachte (Distanceteaching, Homeschooling etc.).

Wir entschieden uns für das künstlerische Vorgehen, in der Zeit der Coronapandemie die Produktion von Neuem zu verfolgen, weil wir nicht bereit waren, Ausstellungen mit dem Risiko aufzubauen, dass sie nicht oder nur von wenigen gesehen werden. Wir wollten auch – bis zur Beteiligung am W&K-Forum in diesem Projekt – keine virtuellen Kunstprojekte machen, weil dies nicht unserer Arbeitsweise entspricht und es dafür nötig wäre, eigene Konzeptionen zu erarbeiten, die das Web 2.0 als Medium kritisch reflektieren oder seine Qualitäten auf besondere Weise nutzen. Dies muss aber erlernt und erarbeitet werden. Noch wichtiger waren für die Entscheidung aber folgende Aspekte: Wir wollten etwas tun, das uns in der Pandemiesituation guttut. Und wir wollten deutlich machen, dass wir nicht bereit sind, unsere Werke unter jeglichen widrigen Umständen zu präsentieren. Wir gestehen uns das Recht zu, lieber abzuwarten, als dem Kunstmarkt unter allen Umständen Präsentationen zu liefern. Damit verbunden ist das scheinbar allgegenwärtige Risiko, in Vergessenheit zu geraten. Diese Angst des Nicht-Präsent-Seins treibt Kunstschaffende immer wieder dazu, unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. Paradoxerweise gibt uns diese Entscheidung die Möglichkeit, mit ungeteilter Aufmerksamkeit Werke zu produzieren.

Wir verstehen Resilienz als die Fähigkeit von Menschen oder komplexen Systemen, trotz widriger Umstände oder Belastungen (im Kontext dieses Texts der Coronakrise) keine Schäden zu erfahren oder sogar Positives zu entwickeln.[1] Im Sinne dieser Konzeption von Resilienz könnte unser Umgang mit dem Lockdown als Folge der Coronapandemie als resilientes Vorgehen gewertet werden. Wir nutzen die Terminverschiebungen, um neue Arbeiten zu fertigen und tun somit das, was im Alltag des Kunstbetriebs oft zu kurz kommt. In diesem Fall wäre unser Vorgehen ein Beitrag zum Status Quo der Pandemie, der bedingt, dass kulturelle Veranstaltungen nicht stattfinden können und auf diese Weise auch die Prekarität der Arbeit im Kulturbetrieb verstärkt. Das ist eine Sichtweise. Uns ist aber etwas anderes wichtig.

Wir haben unsere Vorgehensweise gewählt, um erstens zu verweigern, die hungrige „Krake“ Kunstmarkt unter allen Umständen mit Ausstellungen zu füttern, und um zweitens etwas zu schaffen, das uns guttut. Dies könnte auch, dem Ansatz der Precarias a la Deriva[2] folgend, als füreinander Sorge tragen in einer existenziell bedrohlichen Zeit gelesen werden. Der Schwerpunkt läge dann auf einer Fürsorge, die immer hergestellt und erkämpft werden muss.[3] Überspitzt formuliert: Wir füttern nicht die hungrige „Krake“ Kunstbetrieb, sondern uns selbst mit der Tätigkeit, in Ruhe zu fotografieren, auf die wir paradoxerweise beim Dabei-Mitmachen oft verzichten müssen.

So die Ausstellungsbedingungen sich wieder bessern, werden wir das erwähnte „Tier(chen)“ natürlich trotzdem und gern wieder mit unseren Arbeiten füttern. Denn wir wollen mit den Fotoprojekten Ablook und Lagenrieb und Schlingen und Stiche zu einer erweiterten Sicht auf die geschlechtliche Kodierung von Körper und Kleidung beitragen und die neuen Bedeutungen des Verhüllens in Anbetracht der Ansteckungsgefahr thematisieren.

Werkangaben

Hagyo_Maier-Gamauf 1-6: Romana Hagyo / Silke Maier-Gamauf, Schlingen und Stiche, 2021, C-Prints

[1] Vgl.: Graefe, Stefanie: Resilienz im Krisenkapitalismus: Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit, Bielefeld 2019: 18f.
[2] Vgl. Precarias a la Deriva: Ein sehr vorsichtiger Streik um sehr viel Fürsorge (Vier Hypothesen), 2005, https://transversal.at/transversal/0704/precarias-a-la-deriva-2/de?hl=care#_ftn1 (16.03.2021).
[3] Vgl. ebd.

https://fb.watch/3zHvTcncM4/

Im Sommer 2021 wird unser Stipendienaufenthalt in der Nida Art Colony (Stipendium des Landes Vorarlberg) stattfinden, https://epaper.neue.at/kultur/2020/03/02/stipendien-fuer-14-kunstschaffende.neue.

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